Liebe ist stärker als der Tod
Liebe Tante Gabi,
ich wohne jetzt schon eine ganze Weile bei meinen Leuten in Bonn und bisher war ich mit Essen (viel), Schlafen (nicht so viel), Wachsen (ununterbrochen) und Zahnen (endlos) beschäftigt.
So allmählich fängt aber der Ernst des Pudellebens an und ich muss mich um meinen Auftrag kümmern: ich bin nämlich nicht zum Spaß hier und ich trete in große Pfotenstapfen. Riesige Füße hab ich schon, aber weit größere Erwartungen ruhen noch auf mir. Aber ich werde das Kind schon schaukeln, man nennt mich nicht umsonst „die Granate“!
Zum Job gehört es unter anderem, meine Memoiren zu verfassen – Denkwürdigkeiten, die ich erlebt habe – um für alle die grade da sind und noch kommen werden ein für alle Mal klar zu stellen: es ist alles ganz anders als ihr denkt!!!
Angefangen hat meine Reise, als ich neulich noch im Pudelparadies hinter dem Regenbogen gemütlich in meinem Schlammloch gesessen bin. Da macht es plötzlich ganz laut „platsch“ und ein Schwall Matschepampe klatscht mir voll auf den Kopf. Herrlich!!! Die Frisur im Eimer! Was gibt es Schöneres?
„‘schulligunk“, höre ich es nuscheln.
Als ich mir notdürftig den Modder aus den Augen gewischt habe, werden dieselben kugelrund und riesengroß, denn wer da vor mir im Schlamm sitzt, ist keine geringere als die berühmt-berüchtigte Bonnikowa Mausinski….ich meine DIE bMaus, die alle nur für ein Gerücht halten, die Wanderin zwischen den Welten, die Regenbogenreisende höchstpersönlich. Die Whistleblowerin. Das Phantom! Es gibt sie also wirklich und sie ist grade in MEIN Schlammloch gehüpft!!!
ALTER, ich fass es nicht!!!

Während ich nur mit hängender Kinnlade stumm La Mausinski anstarren kann, fühle ich mich kritisch beäugt. Und frage mich: was um alles in der Welt will sie hier bei mir in einem Matschloch hinter dem Regenbogen? Hatte sie nicht grade noch einen ihrer brisanten Aufträge?

„Minna Mausini auch bekannt als La Granata?“ will sie wissen. Ich nicke schweigend. Mir fehlen ausnahmsweise mal die Worte.
„Ich habe einen Job für dich,“ kommt sie ohne Umschweife zur Sache. Und das war keine Frage, das war ein Befehl!
„Job?“ hauche ich vorsichtig. Nie, nie, niemals nicht wollte ich in Regenbogen-Agenten-Angelegenheiten verwickelt werden…. das gibt nur Ärger und Probleme! Immer schön die Pfoten stillhalten und unterm Radar fliegen. Aber das hat jetzt offensichtlich ein Ende. Ich ahne Arges.
„Ja, Job: Hundert Quadratmeter mit Garten, vollständig zugänglich inklusive aller Sessel, Betten, Autos und Sofas. Regionale Sterneküche, exklusive Ausstattung nebst Luxusaccessoires. 35 Tage Jahresurlaub, ganzheitlich medizinische Versorgung, persönliche Stylistin, zwei Personal. Ach ja und Reisetätigkeit, die käm noch dazu.“
Ich runzele die Stirn und denke angestrengt nach. Irgendwas ist faul. Ich rieche es!!!
„Und wo ist der Haken?“ will ich mutig wissen.
bMaus stutzt kurz ob meiner Unverschämtheit, dann stößt sie ein knurriges Lachen aus.
„Man hat mir nicht zu viel versprochen. Du hast echt Mumm kleine Mausini!“ Jetzt sieht sie schon freundlicher aus und auch ein wenig traurig.

„Mein letzter Job ist irgendwie ein wenig in die Hose gegangen“, erklärt sie mir und ich könnt schwören, dass sie grade eine Träne wegblinzelt. Oha, das heiß übersetzt, es ist was gründlich schiefgelaufen! Ich sollte machen, dass ich hier wegkomme, bevor ich die Suppe auslöffeln darf…bäh, Suppe!
„Regenbogenspritze?“ frage ich trotzdem, denn die Geschichte fängt langsam an mich zu interessieren. Meine Neugier wird mich wahrscheinlich wieder mal umbringen.
BMaus nickt und schnieft. „Du kennst die Gesetze, Verpflichtung ist Verpflichtung.“
Jaa, jaa, ich kanns nicht mehr hören. Für alles gibt’s ein Gesetz, eine Regel, eine Pflicht. Und hinterher ist das Geheule groß. Besonders auf der anderen Seite des Regenbogens, denn die Menschen kennen natürlich nicht die ganze Wahrheit und das finde ich wirklich mies. Aber ich bin ja nur die kleine MinnieMaus. Allerdings könnte ich was dagegen tun, fällt mir auf. Und zwar jetzt!
„Ich mach‘s!“ höre ich mich sagen und bin doch ein wenig vor mir selbst erschrocken.
Bonnikowa blinzelt verwirrt. „Echt jetzt?“
„Klaaaar“, beteuere ich überzeugter als ich bin. Irgendwo auf der Welt heulen sich grad Leute die Augen nach ihrer bMaus aus und ich kann dabei helfen, sie zu trösten – und dabei ganz unauffällig ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Der perfekte Plan irgendwie…. oder? Plötzlich bin ich ganz aufgeregt!
„Also gut“, seufzt die bMaus, „deshalb bin ich ja auch hergekommen. Und es nützt ja jetzt nichts – ich brauch echt eine Pause.“ Erst jetzt fällt mir auf, dass sie ganz müde und zerrupft aussieht.

„Überlass das nur mir“, flöte ich. Mittlerweile bin ich Feuer und Flamme. Ein Abenteuer der besonderen Art erwartet mich. „Wo muss ich hin?“
Bonnikowa Mausinski lässt mich alle Anweisungen dreimal wiederholen, damit sie auch sicher ist, dass ich nichts verbocke.

Na die hat Nerven! Jedenfalls muss ich jetzt zur Regenbogenbrücke sprinten damit ich es noch rechtzeitig schaffe, denn die Blaue Stunde steht unmittelbar bevor. Vor der Brücke erwartet mich schon ein unglaubliches Geschiebe und Gedränge…alle rennen durcheinander…Terrier aller Gewichtsklassen, ein Rudel Boxer, hier und da ein Windspiel…einzig die Schäferhunde stehen stramm und in Reih und Glied…klar, die gehen ja auch nicht Gassi, die rücken aus. Irgendwann habe ich in dem ganzen Gewühle endlich einen Pudeltrupp ausgemacht und auch einen Verantwortlichen mit Klemmbrett:
„Destination?“ Klemmbrett macht sich eine Notiz.
„Äääh….ich muss zu Tante Gabi,“ höre ich mich sagen.
„Keine Chance“, Klemmbrett macht sich noch eine Notiz ohne mich überhaupt anzuschauen, „da sind schon acht abflugbereit, das Boarding ist abgeschlossen.“
„Aber ich MUSS zu Tante Gabi, JETZT!!“, protestiere ich, denn La Mausinski hat mir eingeschärft mich ja nicht abwimmeln zu lassen. „Ich bin da verabredet…. streng geheimer Geheimauftrag!!!“.
Klemmbrett reagiert mit einer Notiz, woraufhin ich mich auf schlimmste Drohungen verlege:
„Ich sag´s Tante Gabi wenn ihr mich nicht mitlasst…T. A.N.T.E. G.A.B.I. !!!!!“
Jetzt habe ich endlich seine volle Aufmerksamkeit:
„Ääähhh…sagtest du Gabi?? DIE Tante Gabi??“
„Eine Tante Gabi…es gibt nur eine Tante Gabi….“, singe ich lauthals und Klemmbrett verdreht die Augen.
Tja, Tante Gabis langer Arm reicht eben sogar bis hinter den Regenbogen…
„Also schön, dann sind es eben neun“, sagt Klemmbrett und sieht dabei aus, als habe er in eine Zitrone gebissen.
Ich will mich schon grinsend in den Pudeltrupp einreihen, da pfeift er mich zurück.
„HALT!!!“
Ich zucke zusammen.
„Verpflichtung??“
Ach so! Puh! „Eehhm…vierzehn?“
„Sicher?“. Klemmbrett wirkt ungeduldig.
„Fünfzehn…?!“
„Ist das eine Frage oder deine Verpflichtung?“ raunzt er mich an.
Ok, tief Luft holen und allen Mut zusammennehmen.
„Sechzehn….!!!“ rufe ich zu allem entschlossen, und „Aaaarrrgghhhhh…….“, denn da erfasst mich auch schon der Sog und es geht im Tiefflug über die Regenbogenbrücke.
Das ist ungefähr so wie eine Mischung aus Achterbahn und Kettenkarussell…will sagen, wenn alle Regenbogenreisenden noch oder schon einen richtigen Körper hätten, Tante Gabi, dann hätten die aber viel zu putzen, over the rainbow, das kann ich Dir flüstern.
Nachdem wir alle auf der Brücke einmal auf links gedreht worden sind, wird alles ganz dunkel, warm und schön. Wir schwappen eine Weile nur so herum und nichts passiert. Irgendwann ist es aber auch an diesem schönen Ort ein bisschen eng und ungemütlich. Eines Tages fängt wieder das Gedränge und Geschiebe an und es geht raus an die frische Luft - und weil ich das ja schon zu genüge kenne, lasse ich den anderen den Vortritt.
„Hihihihi…Roswitha….hahahaha“, höre ich.
Und dann:“gnihihihi…Roooobert…“.
Hmmmm?!
„Robin-Rüdiger….hähähäää“
Hat sie mich grade wirklich Rosamunde genannt?!? Ohgottogott…
Es bleibt auch draußen erstmal dunkel, man liegt so rum auf einem Haufen und hat meistens fremde Füße und Zehen in der Nase oder im Maul…ab und zu gibts was in den Magen und viel mehr passiert immer noch nicht.
Aber dann hab´ ich doch mal geblinzelt und über mir ein riesiges Auge entdeckt, welches mich kritisch anschaut.
Ich so: „…hhmmm…hihi….huhu…Tante Gabi??“
Auge so:“…. hmmmm…wie lautet die Losung?“
Ich so: „eehh >>Liebe ist stärker als der Tod?<< Ich glaub ich bin hier verabredet…“
Auge (wird riiiesengross):“und ich glaub ich muss dringend mal telefonieren…“
Tage später macht irgendwas ding dong und Mama Leni fängt an zu keifen: „Diebe!! Räuber!! Einbrecher!!! Gesindel!!! Lumpenpack!!! Ich bring Euch alle um!! Ich mach Euch fer…!!!“
Dann höre ich ein Handgemenge und eine Frau stolpert ins Zimmer, etwas zerzaust und mit irrem Blick. Ein Mann kommt gleich auf allen Vieren angekrabbelt und greift sich Schwesta Roswitha.
Und dann rast mein Herz plötzlich ganz doll und meine Knie werden so weich, dass ich mich hinlegen muss und ich hoffe sie schauen mich an…denn ich weiß ganz sicher sie sind es! BMaus hat sie genau beschrieben, es besteht kein Zweifel! Rhianna-Shannaya wär auch süß, meint der Mann und dann hockt plötzlich die riesige Roswitha auf dem Schoss von MEINER Frau und ich weiß langsam auch nicht mehr was ich noch machen soll damit sie es begreifen...wenn ich doch zwischendurch nicht immer so müde wär. Und als die Frau mir dann endlich in die Augen schaut heult sie mir mit einem Mal mein ganzes Fell nass und sagt immerzu: „Mein Mäusschen“. Und dann kommt der Mann und ich schwöre er hat auch ein Tränchen verdrückt!!! Und als er sich bewegen will, kreischt Mama Leni: „Ich bring dich um!!!!“


Jetzt bin ich also, wie gesagt, seit ein paar Monaten zu Hause in Bonn. Mein neuer Körper funktioniert bisher tadellos, das Essen schmeckt so toll wie angekündigt und langsam merke ich auch, dass nicht alles Gold ist was glänzt - zum Beispiel, dass La Mausinski vor ihrer Abreise hier alles prima im Griff hatte…und mit mir gibt es plötzlich so nutzlose Diskussionen, die sie „Erziehung“ nennen, aber ich bin dran, Tante Gabi, das wird schon wieder. Schließlich bin ich mit allen Pudel-Modi für die Menschenbetreuung hervorragend ausgestattet.

Und sie haben mich „Rénbo Minna Penari“ genannt, das ist die Liebe, die aus purer Willensstärke über den Regenbogen tanzt!

Vielleicht, aber auch nur vielleicht, haben die Menschen doch mehr verstanden, als ich gedacht habe.
Ich werde berichten!
Deine MinnieMaus



